Ronny will bald wieder von der Schanze abheben

"Ich werde langsam ungeduldig" - Ronny über Wintersport ohne Winter

18.11.2005

Herr Ackermann, lassen Sie uns übers Wetter reden.

Gerne. Ich hoffe sehr, dass es jetzt endlich mal schneit. Wir sind dieses Jahr mit den Vorbereitungen auf die Saison ganz schön in Verzug geraten. In Europa zumindest gibt es derzeit keine einzige Sprungschanze, auf der Schnee liegt.

 

Warum trainieren Sie als Nordischer Kombinierer nicht am Polarkreis?

Selbst in Nordfinnland hat es in den letzten Tagen geregnet. Dort ist es im Moment so warm, dass nicht mal der Kunstschnee liegen bleibt.

 

Was ist mit Trockenschanzen?

Mattenspringen bringt in dieser Phase nichts mehr. Man muss jetzt ein Gefühl für den Schnee bekommen. Die Matten und die Keramikspur sind immer gleich. Der Schnee dagegen ist überall anders. Nee, da warte ich lieber noch ab und bin danach noch heißer auf die Schanze.

 

Wie viele Sprüngen wollten Sie laut Plan vor der Saison machen?

Siebzig.

 

Und wie viele haben Sie schon?

Keinen. Und in einer Woche beginnt der Weltcup auf der größten Schanze der Welt in Kuusamo.

 

Wenn es bis dahin in Finnland geschneit hat?

Da bin ich eigentlich optimistisch. Trondheim, eine Woche später, wird eher problematisch. Das liegt am Meer, und da ist es noch sehr, sehr warm. Im Langlauf dürfte es dank der Gletscher keine Schneeprobleme geben. Ich war jetzt häufiger am Dachstein-Gletscher. Aber das bringt jetzt auch nichts mehr, weil man in der Höhe nur sehr langsam trainieren kann. Ideal wäre eine abwechslungsreiche Strecke, mit Anstiegen und Abfahrten. Gletscher sind öde. Da geht es nur gerade aus.

 

Also haben Sie in Ihrer zweiten Disziplin auch noch nicht trainiert?

Doch, ich war gerade vier Tage in Ruhpolding. Dort haben sie letztes Jahr Schnee geschossen und dann über den Sommer eingelagert. Unter Styroporplanen und so. Da sind 5 500 Kubik übrig geblieben, das hat immerhin für eine kleine Runde von zwei Kilometern gereicht.

Muss die Wintersportindustrie jetzt überall anfangen, Schnee zu horten?

Es gibt ja schon die verrücktesten Varianten. Man kann Kälteschleifen unter die Strecken bauen, wo dann praktisch der Schnee von unten gekühlt wird. Die Finnen haben das schon. So etwas wird immer mehr zum Einsatz kommen.

 

Fürchten Sie nicht um Ihren Broterwerb, wenn der Klimawandel so weitermacht?

Die Winter werden nicht kürzer, aber sie fangen später an. Man müsste einfach drei Wochen später mit den Wettkämpfen beginnen, dann hätten alle weniger Stress. Wir werden in den nächsten Jahren immer wieder Schwierigkeiten kriegen mit der Erderwärmung. Das Problem gibt es ja schon länger.

 

Vor genau einem Jahr war es in Finnland 20 Grad kälter.

Stimmt, so eine Situation wie jetzt gab es noch nie. Am Sonntag will ich meinen ersten Sprung machen. Wenn das wieder nichts wird, werde ich langsam ungeduldig.

 

Interview: Boris Herrmann.

 

Quelle: BERLINER ZEITUNG vom 17.11.2005