8500 Fans im Auslauf der Hans- Renner- Schanze

Ronny nimmt die Verfolgung auf

Ronny und Hannu Manninen als unschlagbares Duo

Die Sieger von Oberhof 2005

Die Nordische Kombination - ein unvergessliches Wintersportfest in Oberhof

30.12.2005

Alle Superlative für emotionalen Sportmomente scheinen zu schwach für das, was wir an diesem 30.12.2005 in Oberhof erleben durften. Darüber waren sich alle Beteiligten, mit denen ich nach und während des Wettkampfes gesprochen habe, einig. Doch bevor dieser außergewöhnliche Sport des heutigen Tages beschrieben werden soll, soll an dieser Stelle und zu aller erst allen freiwilligen Helfern und den zahllosen Ehrenamtlichen aus Oberhof und Umgebung gedankt werden, die im Kampf gegen die Neuschneemassen die Veranstaltung in dieser hohen Qualität möglich gemacht haben! 

Sie haben teilweise vor, während und nach den Weihnachtsfeiertagen stundenlang mit Baggern und Schaufeln das Stadion, die Schanze und die Zufahrtsstraßen geräumt und befestigt. Dieser Enthusiasmus ist typisch für Oberhof, wenn auch nicht selbstverständlich. Er strahlt aber weiter aus in die Wettkampfstimmung auf dem Dach des Thüringer Waldes und macht die Wintersportregion so unverwechselbar.
DANKE!!!
Nun wird dieser heutige Weltcup in der nordischen Königsdisziplin ohne Übertreibung in die Analen zumindest der reichen Oberhofer Skigeschichte eingehen. Ein wunderschöner Tag der mit freundlichem, kalten Winterwetter und günstigen Windbedingungen begann. Unglaubliche 8500 (achtausendfünfhundert) Fans in Hochstimmung füllten die Ränge im Auslauf der "Hans- Renner- Schanze". Mit besonderer Spannung erwarteten sie die lokalen Skihelden, aber allen voran ihren Ronny Ackermann. Würde sein Formanstieg im Springen reichen, um ihn im Laufen eine aussichtsreiche Ausgangsposition zu sichern? Und wie würde sich seine gerade überstandene Magen- Darm- Grippe auf seine Laufform auswirken?

Der erste Durchgang war schon ein Skisprungfest mit einigen Sprüngen jenseits der 130m- Marke. Es gab aber trotzdem noch in diesem ersten Durchgang wechselnde Windbedingungen, die sich durch das neue Reglement mit den Sprunganzügen sehr deutlich in Weitendifferenzen auswirkten. Ronny hatte wahrscheinlich im ersten Durchgang nicht seinen besten Sprung, aber auch Windpech. So musste er seinen ersten Sprung schon bei 120,5m als 27. des Durchgangs beenden.

Doch die Laune seiner Fans konnte das nicht trüben und sie trauten ihm eine deutliche Steigerung für den zweiten Sprung zu. Doch würde es in die Regionen eines Jaakko Tallus mit 134,5m reichen?

Immerhin stabilisierte sich der Wind im Kanzlersgrund und sorgte quasi für Laborbedingungen mit leichtem Aufwind in der unteren Hälfte des Aufsprunghangs. Dann wurde es laut im Stadion, die Startnummer 41, Ronny Ackermann aus Dermbach in der Rhön wurde aufgerufen. 8500 Augenpaare richteten den Blick gespannt nach oben und auf die Windfähnchen. Dann tauchte er oben am Aufsprunghang auf, in unverkennbarer Haltung und mit seinem typischen Zug auf die rechte Hangseite. Hoch stand er über dem Schnee, Jubel brandete auf und wurde fast zum Orkan als er weit unten seinen Telemark setzte. Ronnys Jubelgeste wurde eins mit dem Jubel einer Fans. So schnell ändert sich ein Wettkampfgeschehen. Ronny führte zunächst und hatte seine Ausgangsposition deutlichst verbessert.

Aber noch folgten gute Springer und harte Konkurrenten. Ein Hannu Manninen (Fin) hatte supergute 131m aus dem ersten Durchgang zu Buche stehen und galt fast schon als megasicherer Sieger. Doch seinen zweiten Sprung erwischte der große Finne nicht wie den ersten und landete schon bei 118m. Das bedeutete 28s Rückstand auf Ronny beim 15km- Lauf. Doch noch stand ein Christoph Bieler (AUT) am Anlauf. Mit einem sagenhaften Sprung auf 139m holte er sich den Schanzenrekord! Leider sollte er ihn nur wenige Sekunden behalten, denn was dann folgte ließ den Herzschlag aller Beobachter stocken!

Der junge Finne Anssi Koivuranta stand weit draußen und flog immer weiter vom Hang weg. Er versuchte den Sprung zu beenden, flog aber unaufhaltsam auf das Ende des Aufsprunghangs zu. War ein solcher Sprung zu stehen? Er stand ihn gerade so... Die Begeisterung im Stadion ist unbeschreiblich. Die Weite lag außerhalb der Videoweitenmessung und wurde von den Weitenrichtern auf 147m (!!!) geschätzt. Die ist mit Sicherheit ein Rekord für sehr, sehr lange Zeit, wenn nicht für die Ewigkeit einer unveränderten Hans- Renner- Schanze! Wir durften dabei sein!

In dieser adrenalingeladenen Stimmung machte es Freude die Ergebnisliste des Springens zu lesen. Durch seinen zweiten Sprung lag Ronny mit 1'40" Rückstand als 13. nach dem Springen in einer sehr günstigen Ausgangsposition.

14:30Uhr - Start des 15km Langlaufs

Mit 12500 Zuschauern erlebte die Rennsteigarena einen Zuschauer- und Stimmungsrekord bei der nordischen Kombination. Laola- und Begeisterungswellen schwappten durch das Skistadion und steigerten ihre Amplitude wenn der Lokalmatador Ronny Ackermann die Tribüne passierte. Jener lief mit großer Entschlossenheit schnell in Richtung Spitze, ihm folgte ebenso unwiderstehlich der starke Finne im gelben Trikot. Ab dem 6. Kilometer waren die Beiden dann ein unschlagbares Duo, das ab der Rennhälfte uneinholbar führte und dann fast eine Minute zwischen sich und die anderen Athleten legte. Wie würde dieser Klassiker heute enden? Eines war klar - sportlich fair und ohne Skandal.

Am letzten Anstieg griff Ronny Hannu Manninen an, doch der Finne konterte. Auf der Zielgeraden spielte er seine Spurtstärke aus und gewann ca. zwei Meter vor Ronny, der zufrieden seinen zweiten Platz quittierte. Im Zielraum, den die beiden lange Zeit für sich allein hatten, umarmten sie sich als endgültiges Zeichen für den beigelegten Streit von Lillehammer. Die begeisterten Fans bejubelten gerade auch diese sportlich, freundschaftliche Geste und feierten den Sieger aus Finnland wie ihren Weltmeister aus der Rhön!

Danach war das totale Feiern angesagt, und diese Feier ist das krönende Ende eines wunderbaren Tages in der Königsdisziplin des nordischen Skisports.

Prädikat: Unvergesslich!

Peter Anacker