"Lebensmittelpunkt bleibt Oberhof"

02.04.2009

erschienen am 2. April 2009 / Weltklasse-Kombinierer Ronny Ackermann will sich im Training nicht wieder so in den Keller fahren.

Die große Enttäuschung über den unglücklichen Verlauf seiner zurückliegenden Wettkampfsaison ist Ronny Ackermann noch immer anzumerken. Der erfolgsverwöhnte viermalige Weltmeister und dreimalige Silbermedaillengewinner bei Olympischen Spielen hat krankheitsbedingt die meisten Weltcupwettkämpfe in der nordischen Kombination nur als Zuschauer verfolgt. Im Gespräch mit der stz äußert sich der 31-jährige Ausnahmesportler aus Unteralba zu seinem Dilemma und dazu, wie er wieder in die Erfolgsspur zurückfinden will.

stz: Haben Sie die zurückliegende Saison abgehakt, oder müssen Sie Ihre außergewöhnliche Pechsträhne noch verarbeiten?
Ronny Ackermann: Ganz so erfolglos war der Winter nicht. Ich hatte mit dem Sieg beim ersten Weltcup in Kuusamo sogar einen sehr guten Einstieg. Doch schon am Wochenende darauf in Trondheim war ich gesundheitlich angeschlagen.

Wissen Sie inzwischen, warum sich Ihre Krankheit nahzu über den gesamten Winter hingezogen hat?
Ich denke, ja. Das war keine einfache Erkältung, sondern ein langwieriger Virus. Hinzu kam eine Glykogenverarmung, meine Kohlehydratspeicher haben sich nur noch zu 70 Prozent gefüllt. Das Ganze wurde begleitet von einem ungewöhnlich hohen Gewichtsverlust, wobei ich ehe mit meinem Gewicht schon immer am unteren Limit war.

Ihnen fehlte also die nötige Kraft, um bei Wettkämpfen vorn mitmischen zu können?
Das kann man so sagen. Schon nach einem Wettkampf hatte ich einen spürbaren Kräfteverschleiß. Die normale Regenerationszeit zwischen den Wettbewerben reichte nicht mehr, um wieder fit für die nächsten Sprünge und Läufe zu werden. So habe ich mich nur noch auf die Weltmeisterschaft konzentriert.

Waren Sie mit dem Abschneiden bei der WM zufrieden, Sie haben immerhin beim Teamwettkampf die Silbermedaille mitgewonnen?
Ja, darüber habe ich mich auch sehr gefreut. Die WM-Springen waren allesamt Windlotterien, da hätten 20 bis 30 Athleten gewinnen können. Für meine damaligen Verhältnisse war ich gut dabei, zumal ich in der Saison mit neuen Schuhen gesprungen bin. Man braucht mit neuen Schuhen 200 Sprünge, um das Gefühl beim Absprung im Körper und vor allem im Kopf zu automatisieren, denn der ganze Absprung spielt sich in einer Zentelsekunde ab. Schlimm war es bei den WM-Läufen, wenn man gegenhalten will, aber nicht die Kraft dazu hat. Ich habe nach der WM auch keine Experimente mehr gemacht, zumal der plötzliche Herztod des Leichtathleten René Herms in jenen Tagen publik wurde. Das hat die Sorge um meine Gesundheit noch verstärkt.

Heißt das, Sie haben seitdem nicht mehr trainiert?
Ja, weil es keinen Zweck hatte. Mein Puls war immer noch um 15 Schläge höher als vor dem Virus. Schon wenn ich mir die Ski anschnallte, hatte ich einen 140er Puls, normal waren es 70 Schläge.

Wie sieht Ihre sportliche Planung vor dem Olympiawinter aus?
Wenn meine Gesundheit bis dahin wieder vollständig hergestellt ist, werde ich planmäßig ab 1. Mai das Training wieder aufnehmen.

Fängt man nach so langer Zeit wieder bei null an?
Das wäre schlimm. Nein, ich habe genügend Grundlagen, so dass ich nach acht Wochen wieder im Limit bin.

Werden Sie mit Blick auf die Olympischen Spiele ein besonderes Trainingsprogramm absolvieren?
Ein besonderes Training, etwa im vierjährigen Olympiazyklus gibt es bei uns Kombinierern schon lange nicht mehr. Einfach weil die Wettkampfdichte viel höher geworden ist. Ich werde auf alle Fälle anders trainieren, mehr regenerieren, mehr mit Köpfchen arbeiten und mich nicht wieder so in den Keller fahren. Die Feinabstimmung für das Springen ist ohnehin erst auf Schnee möglich, weil es im Sommer sehr unterschiedliche Anlaufspuren gibt. Zudem stehen noch einige aufwendige Materialtests an. Schon Ende Mai werde ich in Norwegen auf 1200 Meter Höhe die Laufski mit Nassschliffen testen. Die Ski für den Kaltschnee werden in Oberhof getestet, wenn der Skitunnel fertig ist. Das wird für uns ein perfekte Trainingsmöglichkeit, zumal wir dort auch intensive Einheiten und Techniktraining absolvieren können.

Welche Ziele streben Sie für die kommende Saison an?
Das wird davon abhängen, wie mein Körper mitspielt. Die Möglichkeit, sich irgendwo auf einem Flughafen oder in einem Hotel zu infizieren, ist immer gegeben. Selbst wenn mein Immunsystem immer intakt bleiben sollte, wird es kaum machbar sein, den Weltcup zu gewinnen und Olympiamedaillen zu holen. Ich werde vielleicht einige Weltcupwettkämpfe auslassen.

Fürchten Sie die Konkurrenz, vor allem die im eigenen Lager?
Dann bräuchte ich nicht anzutreten. Dass junge Athleten, wie Kircheisen, Edelmann und Frenzel, in der Weltspitze mitmischen, sehe ich als normale Entwicklung. Sie konnten sich jahrelang mit mir messen, mussten nicht in den Weltcup einsteigen, als die Kombination in Deutschland ganz unten war, wie es mir erging. Es ist gut, dass sie Erfolge einfahren. Das erhöht das Medieninteresse an unserer Sportart, und somit auch das Interesse von gut aufgestellten Sponsoren, denn auch an uns Leistungssportlern geht die Krise nicht spurlos vorüber. Reisekosten werden immer üppiger. Alle Lehrgänge außerhalb der Nationalmannschaft, wie den schon genannten Skitest in Norwegen, bezahle ich nämlich aus eigener Tasche.

In Vancouver werden Sie zum vierten Mal an Olympischen Spielen teilnehmen. Werden es Ihre letzten sein?
Auf keinen Fall werde ich nach der kommenden Saison meine Karriere beenden, denn das Wettkampf-Feuer brennt noch immer in mir, zumal ich einige neue Ideen fürs Springen habe, die ich noch unbedingt ausprobieren will.

Im Sommer werden Sie Vater, das wird Ihr Leben doch sicherlich verändern?
Natürlich wird dieses freudige Ereignis das Leben von Annika (Lebensgefährtin d. Redaktion) und mir verändern. Wir freuen uns schon ungemein auf unser Kind. Unser Lebensmittelpunkt wird Oberhof bleiben, einfach weil ich dort die besten Trainingsbedingungen habe.

Soll der Nachkomme einmal in Ihre sportlichen Fußstapfen treten?
Schön wäre es, denn gute Gene dafür hat er bestimmt.

Gespräch: Gert Hellmann